Wunderbare Menschenbilder

Normalerweise ist das Grundstück der Villa Francke für die Öffentlichkeit zu. Am Wochenende wird es für das erste „ArtCamp Potsdam“ mit Beiträgen von 13 Künstlern und Kollektiven geöffnet. Am Freitag ist Vernissage.


ArtCampPotsdam/Jägervorstadt

Sphärische Musik aus einer kleinen Seitentür lockt in den Keller, mitten hinein in eine lauwarme Geruchswolke aus Erde, Kalk und fauligem Laub. Unten im Scheinwerferkegel steht ein Wurzelstrunk, der lebt. Der sich verändert unter einer Invasion von Ungeziefer, der sich aufzulösen scheint in geometrischen Figuren, der schließlich verschmilzt mit dem eigenen Schatten an der Wand.

„Radix“ ist der Titel dieser Installation des Künstlerkollektivs Xenorama in der Tiefe des einstigen Dienstbotenhauses der Villa Francke in der Gregor-Mendel-Straße. Sie markiert gleichsam den Maschinenraum des „ArtCamp Potsdam“ mit insgesamt 13 Künstlern und Künstlergruppen, das am Freitag eröffnet wird.

Zwillingswoge im Eichenlaub

Die meisten Beteiligten sind Potsdamer, die Mehrheit steht in einer engen Beziehung zum Kunst- und Kreativhaus im Rechenzentrum in der Potsdamer Innenstadt. Einige von ihnen sind Ehemalige, die dem Rechenzentrum schon wieder den Rücken kehrten, weil sich die Zustände für Künstler dort „sehr verschlechtert“ hätten: „Die Räume waren sehr klein, dafür hatten wir steigende Mieten und Baustellenlärm. Ich hatte einen riesigen Riss in der Wand meines Ateliers, durch den alles vollstaubte.“ Allan Paul (43), der das sagt, hat das ArtCamp gemeinsam mit Nadine Conrad (35) kuratiert. Beide hatten ihre Ateliers im Rechenzentrum, stellten dort Ende 2017 unter dem Titel „Keine Religion, keine Politik, nur Kunst“ erstmals gemeinsam aus und sind jetzt in eine Halle in Werder umgezogen. Mit Julia Brömsel folgt ihnen zum Jahresende eine weitere Veteranin des Rechenzentrums.

Das ArtCamp verdankt sich einer zufälligen Begegnung. Nadine Conrad und Allan Paul waren Anfang September unter den Besuchern der Kunstausstellung von Helen Berggruen in der Villa Francke und kamen mit dem Architekten ins Gespräch, der das Objekt betreut. Er habe ihnen das ehemalige Chauffeurshaus und den Garten für eine eigene Ausstellung angeboten.

Sie nahmen an und brachten innerhalb weniger Wochen eine Gruppe zusammen, die einen bemerkenswert breit gefächerten Einblick in die Potsdamer Kunstszene gibt und darüber hinaus dieses Grundstück eben so bespielt, als sei es genau dafür eingerichtet worden.

Kapelle der Erleuchtung

Draußen im bunten Eichenlaub lagern mit dem „Zwillingswoge“ genannten gewaltigen Schenkelpaar und dem sauriergroßen „Wirbel“ die bekanntesten Bronzeskulpturen von Mikos Meininger, dem Mitgründer und Chef des Kunsthauses „Sans titre“ in der Französischen Straße.

Arbeiten von Anita Hunke Arbeiten von Anita Hunke. Quelle: Friedrich Bungert Vis-à-vis zum Eingang werden die Aktionskünstler Nora Fritz und Lars Kaiser in einer Jurte die „Kapelle der Erleuchtung“ einrichten, die eigentlich für die „Art-Church“-Andachten im Innenhof des Rechenzentrums erfunden wurde. Im Innenhof des Gartenhauses der Villa Francke sollen abends DJs auflegen.

Im schattigen Eingang des Hauses empfangen die wunderbar stillen Menschenbilder von Anita Hunke, auch sie mit einem kleinen Atelier im Rechenzentrum. Neben dem Kellerzugang mit der leise wehenden Xenorama-Musik verzaubern Märchenwesen von Florentine Joop. Ihre forschen Matrosen stehen unter der Beobachtung der resolut aufs Blatt gebrachten Leute von Jeanne van Dijk im Raum gleich nebenan. Dezent mit der Farbe gehen beide um.

Molotowcocktail hinter Glas

An der Wand vor dem Aufgang zum Obergeschoss ist ein edles Molotowcocktail mit drei Streichhölzern hinter Glas platziert. „Im Notfall Scheibe einschlagen“ heißt es zur Erläuterung auf der Installation von Sebastian Fleiter.

Im Obergeschoss entführen Feenbilder mit Mädchen wie hinter Glas, mit Nebel- und Unterwasserlandschaften von Nadine Conrad in ferne Welten, lässt Allan Paul mit expressiv bunter Gewalt quasi die Türen schlagen, während Julia Brömsel mit ihren wundersam klaren Fabelwesen den fantastischen Erzählfaden dieser Ausstellung weiterspinnt.

Der Fotokünstler Tim Roeloffs setzt mit ausgeschnittenen Magazinbildern auf Pappe ein kleines Universum voll mit Häusern, Palästen und Gestalten von James Dean bis zum Sandmännchen an die Wand; die mitten hindurch stöckelnde Riesen-Nofretete findet sich als Filzmodell auf einem Sockel gleich noch einmal im Raum. Simone Westfahl lässt Regen über ihre Gemälde rinnen.

Lothar Krone vergrößert den Raum mit Raumbildern, setzt Caspar David Friedrichs „Zwei Männer in Betrachtung eines Mondes“ als Däumlingspaar in einen antiken Kinderwagen mit kleinem Elektromond und macht die Geschichte des Ausstellungshauses zu seiner eigenen: „Es hat mehr als 60 Jahre gedauert, um endlich hinter diese Mauern zu kommen.“ Daneben zwei kleine Fotografien von ihm als Kind beim Familienspaziergang auf dem Gehweg vor dem Franckeschen Grundstück. Nun wird das Tor für die Kunst geöffnet.

Von Volker Oelschläger
http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/ArtCamp-Potsdam-in-der-Villa-Francke?fbclid=IwAR2xJKAO2zFBp0B3ulDe5RiAufCqpLvhXMXjWoZoN2MenthxebmyYNx-SfI